{"id":4052,"date":"2021-10-12T14:00:00","date_gmt":"2021-10-12T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.steuerpraxis.net\/?p=4052"},"modified":"2021-09-27T14:25:18","modified_gmt":"2021-09-27T12:25:18","slug":"steuererstattung-bzw-nachzahlung-warum-der-zinssatz-von-6-verfassungswidrig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.steuerpraxis.net\/de\/2021\/10\/12\/steuererstattung-bzw-nachzahlung-warum-der-zinssatz-von-6-verfassungswidrig-ist\/","title":{"rendered":"Steuererstattung bzw. -nachzahlung: Warum der Zinssatz von 6 % verfassungswidrig ist"},"content":{"rendered":"\n<h4>Steuernachforderungen und -erstattungen werden mit 6 % pro Jahr verzinst. Das ist zu viel, entschied das Bundesverfassungsgericht \u2013 zumindest f\u00fcr Zeitr\u00e4ume ab 2014.<\/h4>\n<h4>Hintergrund<\/h4>\n<p>Nach \u00a7 233a AO wird bei der Verzinsung von Steuernachforderungen und Steuererstattungen ein Zinssatz von monatlich 0,5 % zugrunde gelegt. Der Zinslauf beginnt erst nach einer zinsfreien Karenzzeit von grunds\u00e4tzlich 15 Monaten.<\/p>\n<p>Die Vollverzinsung betrifft sowohl Steuernachzahlungen als auch Steuererstattungen.<\/p>\n<h4>Entscheidung<\/h4>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht sieht in der Verzinsung von Steuernachforderungen mit einem Zinssatz von monatlich 0,5 % nach Ablauf einer zinsfreien Karenzzeit von grunds\u00e4tzlich 15 Monaten eine Ungleichbehandlung von Steuerschuldnern, deren Steuer erst nach Ablauf der Karenzzeit festgesetzt wird, gegen\u00fcber Steuerschuldnern, deren Steuer bereits innerhalb der Karenzzeit endg\u00fcltig festgesetzt wird. Hintergrund hierf\u00fcr ist das seit Jahren anhaltende niedrige Zinsniveau auf dem Kapitalmarkt, das in diametralem Gegensatz zur 6-prozentigen Jahresverzinsung durch die Finanzverwaltung steht.<\/p>\n<p>Diese Ungleichbehandlung sieht das Gericht f\u00fcr in die Jahre 2010 bis 2013 fallende Verzinsungszeitr\u00e4ume als noch als verfassungsgem\u00e4\u00df an. Dies gilt jedoch nicht mehr f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume ab 2014. Die Unvereinbarkeit der Verzinsung nach \u00a7 233a AO mit dem Grundgesetz umfasst dabei auch die Erstattungszinsen zugunsten der Steuerpflichtigen.<\/p>\n<h4>Weitergeltung der bisherigen gesetzlichen Regelung<\/h4>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht differenziert insoweit, als es das bisherige Recht f\u00fcr bis einschlie\u00dflich in das Jahr 2018 fallende Verzinsungszeitr\u00e4ume f\u00fcr weiterhin anwendbar erkl\u00e4rt wird. F\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume, die in das Jahr 2019 und sp\u00e4ter fallen, kommt dagegen eine Weitergeltung des bisherigen Rechts dagegen nicht mehr in Betracht. Hier wird der Gesetzgeber verpflichtet, bis zum 31.7.2022 eine verfassungsgem\u00e4\u00dfe Neuregelung zu treffen.<\/p>\n<h4>Rechtsfolgen f\u00fcr die Besteuerungspraxis<\/h4>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht hat sich nur zur Vollverzinsung nach \u00a7 233a AO ge\u00e4u\u00dfert, nicht jedoch zu Stundungszinsen, Hinterziehungszinsen, Prozesszinsen auf Erstattungsbetr\u00e4ge und Aussetzungszinsen. Da jedoch das Zinsniveau in allen Verzinsungsf\u00e4llen einheitlich 0,5 % pro Monat betr\u00e4gt, wird man die Entscheidungsgrunds\u00e4tze des Bundesverfassungsgerichts auf alle Zinsarten anwenden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>3 Fallgruppen sind zu unterscheiden:<\/p>\n<ul>\n<li>Verzinsungszeitr\u00e4ume, die in das Jahr 2013 und fr\u00fcher fallen, sind von der Verfassungswidrigkeit nicht betroffen, d. h. hier ist der Zinssatz von 0,5 % pro Monat nicht zu beanstanden. Steuerpflichtige, die hier Einspruch eingelegt haben, m\u00fcssen mit einer Zur\u00fcckweisung ihres Einspruchs rechnen. Im Falle einer Aussetzung der Vollziehung wird der ausgesetzte Betrag gezahlt werden m\u00fcssen.<\/li>\n<li>F\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume, die in das Jahr 2014 bis einschlie\u00dflich 2018 fallen, bleibt das aktuelle Recht weiterhin anwendbar. Dies bedeutet, dass auch in diesen F\u00e4llen eingelegte Einspr\u00fcche abgewiesen werden und ausgesetzte Betr\u00e4ge gezahlt werden m\u00fcssen. Soweit die Zinsfestsetzung vorl\u00e4ufig erfolgt ist, wird die Finanzverwaltung die Vorl\u00e4ufigkeit aufheben.<\/li>\n<li>Lediglich f\u00fcr Verzinsungszeitr\u00e4ume, die in das Jahr 2019 und sp\u00e4ter fallen, muss der Gesetzgeber bis zum 31.7.2022 &#8222;nachbessern&#8220; und eine verfassungskonforme gesetzliche Neuregelung schaffen. Von dieser Neuregelung wird jedoch nur derjenige profitieren, der gegen den Zinsbescheid Einspruch eingelegt hat oder dessen Zinsbescheid vorl\u00e4ufig ergangen ist. Formell und materiell bestandskr\u00e4ftige Zinsbescheide ohne Vorl\u00e4ufigkeitsvermerk k\u00f6nnen aufgrund der anstehenden gesetzlichen Neuregelung nicht mehr ge\u00e4ndert werden.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steuernachforderungen und -erstattungen werden mit 6 % pro Jahr verzinst. Das ist zu viel, entschied das Bundesverfassungsgericht \u2013 zumindest f\u00fcr Zeitr\u00e4ume ab 2014. Hintergrund Nach \u00a7 233a AO wird bei der Verzinsung von Steuernachforderungen und Steuererstattungen ein Zinssatz von monatlich 0,5 % zugrunde gelegt. 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